Gut drei Monate nach der Streichung der Nordischen Kombination aus dem olympischen Programm hat Bundestrainer Eric Frenzel in einem an diesem Freitag veröffentlichten Interview mit der «Zeit» eindringlich vor dem Untergang seiner Sportart gewarnt. Der frühere Olympiasieger und heutige Chefcoach des Deutschen Skiverbandes befürchtet, dass ohne den Status als olympische Disziplin schon in wenigen Jahren die komplette Förderstruktur in Deutschland wegbricht.

Olympia-Aus trifft die Nordische Kombination hart

Die Nordische Kombination wird künftig nicht mehr Teil des olympischen Programms sein, und Bundestrainer Eric Frenzel rechnet mit schwerwiegenden Konsequenzen für den Sport. Ab 2030 wird es bei den Olympischen Winterspielen keine Wettkämpfe mehr in der Nordischen Kombination geben.

Für Frenzel ist die Lage inzwischen dramatisch. «Ich sehe da schwarz. Die ersten Gespräche mit Förderern waren negativ», sagte Frenzel im Interview mit der «Zeit». Die Bedrohung sei aus seiner Sicht konkret, die Sportart habe keine Zeit zu verlieren.

Frenzel schlägt Alarm: „Schicht im Schacht“

Nach dem Olympia-Aus könne die Nordische Kombination maximal noch zwei Jahre überleben. «Danach ist komplett Schicht im Schacht. Ohne nationale Förderung ist der Sport nicht finanzierbar», stellte Frenzel klar. Für den kommenden Winter bestehe zwar noch Planungssicherheit, schon ab dem Frühjahr 2027 gebe es aber in Deutschland eigentlich keine Perspektive mehr. Auch von Kollegen aus anderen Nationen höre er, dass sie nicht wüssten, wie es weitergehen solle.

Diese Förderbereiche sind laut Frenzel gefährdet

  • Die Forschung an Sportgeräten und das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft
  • Die Sporthilfe sowie die Finanzierung von Schanzen und Langlaufstadien
  • Die Restaurierung maroder Schanzen, die bislang über Olympia-Erfolge mitfinanziert wurde

Daraus werde sich für Kinder die Frage ergeben, ob sie überhaupt noch Kombinierer werden wollten, so Frenzel. Für den Nachwuchs im deutschen Wintersport, der ohnehin um Aufmerksamkeit kämpft, wäre das ein herber Rückschlag.

Geiger und Armbruster wehren sich gegen die Entscheidung

Schon kurz nach der IOC-Entscheidung hatten führende deutsche Athleten ihrem Unmut Luft gemacht. Doppel-Olympiasieger Vinzenz Geiger beschrieb den Moment so: «Ich fühlte mich live in einem Albtraum oder in einem schlechten Film. Wir wussten, dass eine Gefahr besteht, aber wir hätten nie damit gerechnet, dass es wirklich zum Olympia-Aus kommen würde. Und dann: Bumm. Das war ein Riesenschock.» Für die jungen Athleten sei das natürlich etwas echt Tragisches, ergänzte Geiger.

Noch deutlicher wurde die mehrfache Gesamtweltcup-Siegerin Nathalie Armbruster. Sie warf dem IOC vor, die Leistung der vergangenen Jahre und die Geschichte der Sportart mit Füßen zu treten und damit zugleich die eigenen olympischen und sportlichen Werte zu verraten. Auch Geiger wollte die Kritikpunkte des IOC nicht gelten lassen: Das Argument, dass zu wenige Nationen um die Medaillen kämpften, sei nicht plausibel, das sei in anderen Sportarten genau gleich, erklärte Geiger.

Warum strich das IOC die Sportart aus dem Programm?

Die Nordische Kombination war seit der Winterspiel-Premiere 1924 in Chamonix dabei, allerdings wurde die «Königsdisziplin» des Wintersports vor Jahren schon angezählt. Das IOC, das sich Geschlechtergleichheit auf die Fahnen geschrieben hat, formulierte Kritikpunkte: zu geringe internationale Verbreitung, eine begrenzte Zahl konkurrenzfähiger Nationen und eine vergleichsweise geringe globale Zuschauerreichweite.

Die Entscheidung gegen die Sportart fiel unter anderem deshalb, weil sie laut Studien beim Publikum die unbeliebteste Sportart der Winterspiele 2014, 2018, 2022 und 2026 gewesen sei. Zudem herrsche zu wenig Vielfalt, da nur fünf unterschiedliche Nationen bei den vergangenen vier Winterspielen Medaillen gewonnen hätten. Im Gegenzug bekommen andere Disziplinen eine Bühne: Freeride (Ski und Snowboard) sowie Synchro9 werden 2030 erstmals bei Olympischen Spielen vertreten sein. Erst kürzlich sorgte mit dem tödlichen Lawinenunglück einer Freeride-Skistar ausgerechnet jene Szene für Schlagzeilen, die 2030 vom Olympia-Aufschwung profitieren soll.

Bleibt die Tür für 2034 offen?

Ganz verschlossen ist die olympische Zukunft der Nordischen Kombination offenbar nicht. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry sagte bei einer Pressekonferenz, man habe sehr gute Gespräche mit dem internationalen Verband darüber geführt, welche Erwartungen in Zukunft bestehen und dass die Möglichkeit einer Teilnahme im Jahr 2034 weiterhin bestehe. Für den deutschen Skiverband kommt diese Perspektive jedoch spät, wie auch DOSB-Präsident Thomas Weikert betonte, der die Enttäuschung der Athletinnen und Athleten teile, die über Jahre mit großer Disziplin, Leidenschaft und Entbehrung auf die Verwirklichung ihres olympischen Traums hingearbeitet hätten.

Für Frenzel zählt vor allem die kommende Übergangszeit: Solange noch Fördergelder fließen, will er versuchen, Strukturen zu retten. Wie schnell sich politische und finanzielle Rahmenbedingungen im deutschen Spitzensport ändern können, zeigte zuletzt auch die Debatte um die mögliche Rückkehr eines Ex-Bundestrainers in eine deutsche Nationalmannschaft. Für die Nordische Kombination bleibt die Hoffnung, dass sich bis 2034 doch noch eine Lösung findet – andernfalls droht laut Frenzel tatsächlich das endgültige Ende einer über 100-jährigen olympischen Tradition.